Besuche in der Auffangstation

Besuch vom 12.11. bis 14.11.2010

Tag 1 - 12.11.2010

Wir landen am 12.11.2010 nachmittags pünktlich auf der Insel. Das Verlassen des Fliegers dauert, weil alle Fluggäste nur über eine Rampe aussteigen können. Marion und ich warten bis ziemlich zum Schluss, weil wir keine Lust auf das Gedränge im engen Gang des Fliegers haben. Wir sind beide schon recht müde vom gut vierstündigen Flug, der uns ewig vorgekommen ist.

Andrea erwartet uns bereits bei unglaublichen 25° schönstem Sommerwetter in der Ankunftshalle, und wir begrüßen uns herzlich und wie alte Freunde. Sie wartet auch geduldig vor dem Parkhaus, bis wir zwei Nikotinsüchtigen nach Stunden unser Verlangen nach einer Zigarette befriedigt haben. Anschließend fahren wir auf direktem Weg in die Auffangstation. Marion und ich sind schon sehr gespannt !

Als wir unser Ziel erreicht haben und das große Tor sich hinter uns geschlossen hat, erwartet uns vielstimmiges und heftiges Gebell. Immer wenn Besucher kommen, sind die Hunde in den Gehegen sehr aufgeregt, laufen hin und her, stellen sich an den Gitterstäben hoch und lecken die sich ihnen entgegen streckenden Hände. Sobald man nur einen Schritt wieder zurück tritt, beißen ein paar verzweifelt in die Gitterstäbe. Viele bellen lauthals und manche regen sich so auf, dass sie sich gegenseitig anmachen. Glücklicherweise gehen solche "Übergriffe" meistens glimpflich aus und man kann mit lautem Rufen und Klatschen vermeintliche "Streithähne" wieder davon abbringen, sich ernsthaft zu zanken und sich zu verletzen.

Vom Hof aus kann man hoch sehen zu einem der Gehege, in dem sich die Hunde befinden, die Andrea bereits für eine Vermittlung ausgesucht hat. Es ist das der Podencos, in dem aber zum Zeitpunkt unseres Aufenthalts auch andere Hunde, z.b. Nubi, Tigger und Fernando untergebracht sind.

 

Auf Ebene des Hofes befinden sich bereits einige Gehege für Hunde. Dort werden auch die von den Hundefängern abgelieferten Tiere angebunden. Eine Treppe führt zu weiteren Ebenen hinauf, auf denen sich jeweils nach rechts und nach links weitere großzügige Zwinger befinden.

Bevor wir alle Gehege abgehen, lernen wir ein paar der Helfer und Helferinnen und auch die Direktorin der Auffangstation kennen. Obwohl Marion und ich allen persönlich unbekannt sind und sie von mir bisher nur aus Andreas Erzählungen wissen, ist auch diese Begrüßung sehr herzlich und ganz traditionell mit fliegenden Küsschen auf beide Wangen.

Schließlich geht es zu den Hunden. Sofort fällt die Größe der einzelnen Gehege auf, doch leider gibt es immer wieder und viel zu oft Tage, an denen selbst die übervoll werden.

Es ist schier unglaublich, wie viele schöne, liebenswerte und "bunte" Hunde da zu sehen sind: "Rassehunde", z.B. gelbe und schwarze Labradors, Beagle, Spaniels, verschiedene Terrierarten wie Yorckshire und Jack Russell, Chow-Chow, Jagdhunde wie Pointer und Bracken und natürlich Podencos, um nur ein paar zu nennen. Rassehunde - leider mit Ausnahme der von ihren Besitzern abgegebenen Podencos - haben im Allgemeinen eine gute Chance auf der Insel wieder ein Zuhause zu finden.

Ein deutscher Schäferhundrüde fällt mir besonders auf, weil er so imposant, schön und kräftig ist – und eine absolut gerade Rückenlinie besitzt, nicht so abartig abfallend wie die kaputt gezüchteten Tiere in Westeuropa. Aber selbstverständlich gibt es auch die besonders gelungenen "Mischlinge", kleine, mittelgroße und große !

Man möchte spontan gern alle in die Arme schließen und irgendwie trösten. Das Herz wird größer und immer noch größer von einem Gehege zum anderen.

 

Da sind mehrere Hundemütter mit gerade geborenen Babys und solche mit bereits ein paar Wochen alten Welpen, die bereits um die Mutter herum springen. Bei einigen Hunden fallen tränende, zum Teil eitrige Augenlider auf, manche liegen apathisch in einer Ecke und regen sich nicht, andere ängstliche, verunsicherte Tiere drängen sich zusammen, um sich so gegenseitig Schutz zu bieten. In einem der Gehege fällt mir ein junger wunderschöner brauner Podibub auf, klapperdürr, fast noch ein Baby. Wir beschließen, uns am nächsten Tag um ihn zu kümmern...

Natürlich sehen wir auch sie – die Chancenlosen, z.B. Staffs und Bullterrier, die ganz bestimmt Niemand mehr adoptieren wird, die - die nur noch auf einen barmherzigen Tod warten. Nur ganz wenige wirken auf den ersten Blick so, als könne man sie an kein Zuhause mehr vermitteln, weil sie Besucher "böse" an knurren oder sich gebärden, als wollten sie zubeißen, sobald man nur einen Fuß in ihr Gehege setzt. Ihr Anblick tut weh, die Gewissheit, dass man für sie nichts, wirklich gar nichts tun kann, tut sehr weh !

Ganz zum Schluss besuchen wir kurz "unsere Hunde" in den sicheren Gehegen, die bereits in der Vermittlung sind und nicht euthanasiert werden, sei denn sie fielen einer schweren Beisserei oder einer Krankheit zum Opfer.

Es macht viel Freude Vivi, Xenja, Shani, Iro, Nubi, Fernando, Tigger, Yessy, Fiona, Suleika, Yessy, Azibo, Thabo, Lorena, Marina, Emma... und all die anderen persönlich kennen zu lernen, sie zu herzen und zu umarmen. Alle sind noch viel schöner und liebenswerter, als jedes Foto es erahnen ließe ! Und für Fiona und Azibo bedeutet unser Besuch, dass sie nun nur noch 2 Tage in der Auffangstation bleiben müssen, bis sie in eine glückliche Zukunft reisen werden...

Den Abend beschließen wir mit einem Besuch bei Lotty, die gerade Besuch von Verwandten hat. Auch diese Begrüßung ist sehr herzlich. Lotty zeigt uns ihre aktuellen Pflegekatzen und freut sich sehr von Yuma zu hören, den sie zusammen mit seinen Geschwistern groß gezogen hat.

Wir verabreden uns spontan zu einem Abendessen. Lotty und ihre Verwandten folgen zehn Minuten später, nachdem Andrea, Marion und ich bereits vor gefahren sind und vor dem Restaurant warten. Es handelt sich um eine urgemütliche Lokalität, einen umgebauten ehemaligen Kuhstall, der abgesehen von einfacher, aber gemütlicher Atmosphäre und einer abwechslungsreichen Speisekarte, auch eine Räumlichkeit mit bunt gemischtem Museumscharakter bietet. An den Wänden rundherum stehen Regale mit allerlei "Kostbarkeiten", alte Uhren, Gefäße aller Art und andere schöne Dinge, die das Auge und den Geist erfreuen. Ich kann gar nicht alles aufzählen. Der einzige bedauernswerte Anblick ist ein schöner großer blauer Papagei, der allein im Restaurant lebt und wohl als zusätzliche Deko gedacht ist. Traurig - er hätte ganz sicher etwas Besseres verdient !

Nachdem wir uns mehr als satt gegessen haben, weil es so gut schmeckt, verabschieden wir uns und Andrea fährt uns zum Hotel, für das sie gesorgt hat. Marion und ich bewohnen jeweils ein eigenes großzügiges Hotelzimmer mit separatem Schlafzimmer und Bad. einfach, komfortabel und sauber – zu unserer vollen Zufriedenheit. Es gibt in einer Küchenzeile einen Kühlschrank und einen Herd, sodass wir uns, falls wir das möchten und auf das inbegriffene Frühstück und Abendessen in Hotelrestaurant verzichten, auch selbst gut versorgen können. Einfach klasse organisiert und vorbereitet!

Nachdem wir uns für den nächsten Tag 11 Uhr zu unserem nächsten Besuch in der Auffangstation verabredet haben, fährt Andrea nach Hause. Marion gesellt sich zu mir auf das Zimmer und wir sitzen vor dem zu Bett gehen noch eine Weile auf dem Balkon, genießen das angenehme Klima, dass auch noch am Abend herrscht und sinnieren über unsere ersten Eindrücke. Unter uns auf der Straße ist das Nachtleben aktiv. Musik und Tanz in den verschiedensten Lokalitäten, was uns jedoch nicht mehr stört, als wir endlich müde in unsere Betten fallen. Wir sind erschöpft aber glücklich, endlich auf der Insel zu sein und wenigstens einen Ausschnitt des Lebens mit zu erfahren, das Andrea hier mit ihrem unermüdlichen Einsatz für die Tiere in der Auffangstation meistert.

 

Tag 2 - 13.11.2010

Marion und ich wachen beide früh auf. Es hält uns nichts im Bett, und wir treffen uns nach der Morgentoilette zu einer ersten Zigarette auf dem Balkon. Da unsere Zimmer nebeneinander liegen, ist das kein Problem. Natürlich fotografieren wir auch beide den wundervollen Sonnenaufgang über dem Meer und gehen anschließend zum Frühstück hinunter in das Hotelrestaurant. Dort wartet ein großes Frühstücksbuffet auf die Hotelgäste, je nach Geschmack mit herzhaftem Brot- und Brötchenbelag oder aber süßen Aufstrichen. Dazu gibt es selbstverständlich Kaffee und wahrscheinlich auch Tee, ich habe nicht genau hingesehen. Weil es gegen 9 Uhr bereits voll wird, geht mir die Menschenmenge um mich herum bald auf die Nerven, und ich beschließe, später noch ein paar Sachen einzukaufen und das morgige Frühstück auf meinem Zimmer auf Balkonien zu nehmen.

Wir nutzen die restliche Zeit bis zu Andreas Ankunft für einen Spaziergang zum Strand. Es geht ganz in der Nähe vom Hotel ein kurzes Stück über die Strandpromenade und eine riesige eindrucksvolle Treppe hinab zum Meeresufer. Unterwegs treffen wir auf einen wunderschönen graugetigerten Kater in gepflegtem Zustand, der sich hier auszukennen scheint und sich von den vorbei strömenden Touristen nicht stören lässt.

 

Am Strand angekommen, entledigen wir uns unserer Schuhe, lassen unsere Füße vom herrlich kühlen Salzwasser des Atlantik umspülen oder genießen es, auf großen Steinen zu sitzen, auf´s Meer zu schauen und dem Treiben der anderen Strandbesucher zuzusehen. Einige davon gehen auch zum Schwimmen: Das Meerwasser hat tatsächlich schon am Morgen angenehme Temperaturen.

 

 

 

 

 

 

 

Marion macht einen kurzen Spaziergang entlang der kleinen Bucht und ich hinterlasse zum Spaß einen flüchtigen Fußabdruck im dunklen Sand, der kurz darauf von der nächsten Welle fortgespült ist.

Gegen halb elf machen wir uns auf den Rückweg zum Hotel und setzen uns noch eine Weile auf den Balkon meines Zimmers. Andrea hat am Tag davor bereits angekündigt, dass sie sich verspäten könnte, weil sie am Vormittag wieder einen Hund zum Flughafen und auf den Weg in eine bessere Zukunft bringen wird. Etwa halb zwölf meldet sie sich über Handy und sagt Bescheid, dass sie jede Minute eintrifft.

Diesen Tag wollen wir so lange wie möglich in der Auffangstation verbringen. Er wird hauptsächlich einem Fotoshooting gewidmet sein, damit die Besucher von patita aktuelle Fotos der Schützlinge in der Vermittlung zu sehen bekommen und auch ein paar der Hunde, die Andrea bereits vor unserer Ankunft ausgewählt hat und die bald vorgestellt werden sollen. Selbstverständlich wird das auch die Gelegenheit sein, richtig auf "Tuchfühlung" mit den Hunden zu gehen.

Vorher besuchen wir noch das Katzengehege und die Krankenstation. Dort treffen wir Isabel die sich um den kleinen und noch sehr jungen Podencorüden kümmert, der mir gestern aufgefallen ist. Er hängt am Tropf und liegt unter warmen Decken. Als er später ein wenig im Krankenzimmer herum läuft, macht er noch einen den Umständen entsprechend guten Eindruck.

Seine Augen brennen sich in mein Herz...

Andrea zeigt uns den Raum, in dem sie selbst mit wechselnd ehrenamtlichen Helfern die Hunde versorgt und für eine Vermittlung vorbereitet, sowie weitere Gebäude und Räume, die sich auf dem großen Gelände befinden.

Neben dem Katzengehege gibt es eine hofartige Brachfläche, in dessen Mitte ein großer Baum steht, der regelmäßig von Wildtauben besetzt ist.

Dieses Gelände ließe sich mit wenig Aufwand gut zu einem kleinen Auslauf für die Hunde einrichten. Es ist ein Plan, den Andrea schon eine Weile mit sich herumträgt, doch fraglich bleibt, ob sich diese wirklich gute Idee eines Tages umsetzen lässt.

Dass Andrea im Laufe der vielen Jahre überhaupt etwas bewegen konnte und entscheidende Verbesserungen für die Hunde erreicht hat, ist allein ihrer bewundernswerten Geduld und Diplomatie zu verdanken, ohne die auf der Insel nichts geht !

Während Marion Andrea eine Weile Gesellschaft leistet, nutze ich die Zeit, um allein noch einmal ausführlich durch alle Gänge mit Zwingern zu laufen und weitere Fotos zu machen,, denn ich habe ein paar Hunde im Auge, die ich Andrea unverbindlich für eine Vermittlung über patita vorschlagen möchte. Ob sie es bis dorthin schaffen, wird davon abhängig sein, ob sie nicht möglicherweise eine Chance auf Vermittlung vor Ort haben, was wie bereits erwähnt für Rassehunde, aber auch Welpen gilt...

Marion hat bereits eine Hündin mit Namen Nuca entdeckt, die ihr besonders am Herzen liegt. Sie ist damit einer drohenden Tötung nach der 21-Tage-Frist entgangen und wird bald nach unserer Rückkehr von Gran Canaria vorgestellt sein.

Schließlich folgen wir Andrea auf den Weg die Treppen hinauf und zuerst zum großen Gehege.

Weil die Hunde uns nicht kennen, betritt zuerst Andrea den großen Zwinger und wird stürmisch begrüßt, was kein Wunder ist, weil sie für die Schützlinge die einzige wirkliche Bezugsperson ist.

Lange halte ich es nicht vor den Gittern aus, folge Andrea und schließlich kommt Marion dazu. Auch wir werden freundlich von allen Vierbeinern begrüßt und natürlich nutzen wir die Gelegenheit, uns ausgiebig mit den Schätzchen zu beschäftigen.

 

 

 

 

 

Ich versuche, mit den Fotos zu beginnen. Mein Wunsch ist es, die Hunde in freier Bewegung zu fotografieren. Doch ich merke bald, dass mir dies kaum und nur mit wenigen gelingen wird, da sich immer gleich ein Grüppchen der Vierbeiner auf entweder Andrea, auf Marion oder auf mich "stürzt". Deshalb beschließe ich nach einer guten halben Stunde, dass es doch besser sein wird, sie einzeln und angeleint auf den Zwischengang zu bringen.

Selbst das ist nicht einfach, weil einige von ihnen in der Aufregung und vor Freude über eine kleine Abwechslung in ihrem Alltag auch an der Leine wild herum springen und zappeln.

Zum Schluss geht es in die Krankenstation, wo noch ein paar weitere Hunde "Model stehen" Kurze Pausen verbringen wir auf dem Hof und lernen dort zwei liebenswerte Boxerhündinnen kennen, die frei umher streifen dürfen. Außer diesen beiden gibt es noch ein bis zwei kleinere Hunde, die den Rest ihres Lebens auf einer Art Gnadenbrotplatz in der Auffangstation verbringen.

Die Stunden des Tages verrinnen wie in einem Augenblick und als wir schließlich gegen 18 Uhr fertig sind, wird es Zeit, die ersten Vorbereitungen für Fiona und Azibo zu treffen, die morgen mit uns nach Deutschland fliegen sollen. Wir räumen bei der Gelegenheit gleich Andreas Schrank auf, in dem sie die Flugtransportboxen aufbewahrt. Wir suchen eine passende kleine für Azibo und eine größere für Fiona aus, legen Decken und Trinknäpfe hinein und stellen die Boxen im Hof unter einem Dach bereit.

Jetzt erst bemerken wir, wie trotz der Freude, die er bereitete, dieser Tag uns alle angestrengt hat und damit Andrea nicht ausschließlich für uns da ist, sondern auch Zeit mit ihrer Familie und ihren eigenen Hunden verbringen kann, bitten wir sie, uns vor dem Hotel abzusetzen und nach Hause zu fahren. Wir verabreden uns für morgen um die gleiche Zeit gegen 11 Uhr, um genug Zeit für Azibo und Fiona zu haben und ein letztes Mal wenige Stunden in der Auffangstation zu verbringen.

Während Marion gleich unter die Dusche möchte, setze ich zuerst meinen Plan um, mir ein paar Lebensmittel für die Selbstversorgung einzukaufen. Später treffen wir uns wieder auf unseren Balkonen und rauchen eine Zigarette. Marion geht schließlich zum Abendessen in das Hotelrestaurant, während ich auf meinem Zimmer eine einfache Brotmahlzeit zu mir nehme. Wir sind beide sehr müde und beschließen früh zu Bett zu gehen. Vor dem Einschlafen mache ich mir noch ein paar Notizen, sichte meine Fotos im Kameradisplay und schlafe dann schnell ein.

 

 


Tag 3 - 14.11.2010

Auch an diesem Morgen sind wir früh und im ersten Licht der Morgendämmerung wach.

Während ich die Reste meines Einkaufs auf meinem Zimmer frühstücke, zieht Marion wieder das Hotelrestaurant vor. Sie kann dem Personal mit ihrem Charme eine Tasse Kaffee für mich abhandeln, die sie mir später mit auf´s Zimmer bringt. Man ist so freundlich eine Ausnahme zu machen : - )

Auf Marion wartend, sitze ich auf dem sonnigen Balkon und genieße die morgendliche Ruhe. Für eine Weile gesellt sich eine Taube zu mir, später noch eine zweite, da wird mir zum ersten Mal ganz wehmütig. Wir werden heute Nachmittag tatsächlich schon zurück fliegen, wo ist nur die Zeit geblieben? Ich wäre gern noch länger hier !

Als Marion zurück ist, trinke ich meinen Kaffee und erzähle ihr von meinen Gedanken. Sie bestätigt, dass es ihr genau so geht. Schließlich machen wir uns daran, unsere letzten Sachen zu packen. Ich bin früher fertig, schließe die Tür hinter mir und geselle mich noch eine Weile zu Marion in ihr Hotelzimmer.

Da wir mit Andrea um die gleiche Zeit wie gestern verabredet sind, beschließen wir noch einmal zum Strand zu gehen, um das Meer und die Sonne zu genießen. Unterwegs bittet mich Marion eine der heimischen Palmen zu fotografieren. Mir fällt dabei ein wunderschöner Monarchfalter auf.

Weil Sonntag ist und wohl auch die "Insulaner" Zeit dafür haben, ist es schon recht voll am Ufer, doch der Platz bei den großen Steinen ist noch frei und wir lassen uns erneut dort nieder. Unaufhörlich rollen sanfte Wellen des Atlantik auf das Ufer zu und in der Steilwand hoch zur Strandpromenade hat sich selbst ein kleiner "steinerner Wasserfall" verewigt.

Gegen viertel vor zehn sind wir auf dem Rückweg zum Hotel. Unterwegs, noch mit Blick auf das Meer, kommen uns drei Afrikanerinnen entgegen. Schon bevor wir auf gleicher Höhe sind, bin ich sicher, dass sie uns ansprechen werden und behalte recht. Zwei der Damen verwickeln uns in ein Gespräch und bevor wir uns versehen, haben Marion und ich jeweils ein buntes Bändchen mit drei Perlen um´s Handgelenk. Während die Ältere der beiden sich mit Marion auf französisch unterhält, antworte ich der Jüngeren auf Englisch. Uns beiden ist klar, dass man sich für die guten Wünsche nach Glück, Gesundheit und einem langen Leben, auf freundliche Art ein paar Euro zu ergattern hofft, und weil wir dabei nichts zu verlieren haben, geben wir den beiden den Lohn für ihre Mühe. Ich suche allerdings in meinem voll gepackten Rucksack lange nach meinem Portemonnaie und als ich es endlich finde und einen Zehner aushändige, sagt die junge Frau : "Give twenty – I change!" Selbstverständlich hat sie mit einem geübten Blick in meine Börse gesehen, dass da noch weitere Scheine sind. Ich schüttle zunächst den Kopf und lehne freundlich ab, doch sie wiederholt beharrlich:" Give twenty – I change " Ich sehe voraus, dass sie meinen Zwanziger mit meinem Zehner wechseln wird, grinse jedoch am Ende in mich hinein und tue ihr den Gefallen. Der Vormittag ist einfach viel zu schön und zu friedlich, um ihn zu verderben und wer weiß, wie schwer sich die Drei durch´s Leben schlagen müssen. Marion und ich werden noch einmal mit Glückwünschen überschüttet und bevor wir uns verabschieden, bestehen die Damen auf ein Erinnerungsfoto.

Beim Hotel angekommen, haben wir immer noch 15-20 Minuten Zeit bis Andrea eintreffen wird. Zeit für eine Tasse Kaffee, eine Zigarette und einen kleinen Plausch. Pünktlich um elf Uhr fährt Andrea vor dem Hotel vor und schon sind wir wieder auf dem Weg in die Auffangstation.

Dort eingetroffen, ist am Sonntag kein Personal da und meine erste Sorge gilt dem kleinen Podencorüden, den ich im Krankenzimmer nicht finde. Ich öffne deshalb die Tür zum Krankentrakt, der leider nicht anders aussieht, als die restlichen Zwinger außerhalb. Die Hunde liegen auch dort auf kaltem Steinboden, nur für die Kleinen sind zum Teil Plastikwannen aufgestellt. Ich finde ihn schließlich zusammengerollt auf dem Boden einer der Zwinger liegen und mein Herz bleibt bereits stehen, bis ich bemerke, dass er noch atmet. Trotzdem kann ich nicht fassen, dass man den schwer kranken jungen Hund, der nichts als bloße Haut auf den Rippen hat, über Nacht schutzlos auf diesem Steinboden liegen lässt ! Wozu dann gestern all die intensive Fürsorge ?

Ich überprüfe, ob er sich bewegt und über meine Bemühungen wird der Kleine wach und rappelt sich auf die Läufe. Es geht ihm offensichtlich schlechter als am Vortag. Er ist geschwächt, seine Augen tränen und sind trüb. Ich gehe zurück ins Gebäude und suche eine Decke, sorge dafür, dass er darauf wieder abliegt und wickle ihn zusätzlich darin ein. Leider ist das alles, was ich für ihn tun kann, doch ich spreche natürlich Andrea darauf an, die ich gemeinsam mit Marion im Behandlungszimmer der Tierärzte antreffe. Sie versichert mir, dass heute wieder Isabel kommen wird, um nach ihm zu sehen. Das beruhigt mich ein wenig und ich bin danach abgelenkt mit anderen Dingen, die mir ebenfalls wichtig sind. Ich bewaffne mich mit einem Blatt Papier und einem Kugelschreiber und begebe mich auf einen letzten Gang durch sämtliche Gehegegänge, denn ich will aufschreiben, bei welchen Hunden mir Krankheitsanzeichen oder Bissverletzungen auffallen. Das vorhandene Personal hat bedauerlicherweise dafür keine Zeit. Diese Liste übergebe ich Andrea, die sie morgen an die zuständigen Tierärzte weiterreichen wird.

Die Stunden verrinnen, bis es Zeit ist, Azibo und Fiona für ihren Flug vorzubereiten. Die beiden freuen sich überschwenglich und besonders Fiona, die ohnehin eine höchst lebendige und agile Hündin ist, flippt beinahe aus über ihr Glück, den Zwnger verlassen zu können.

Beide scheinen zu spüren, dass etwas Besonderes geschieht! Wir führen die beiden auf den Hof zu ihren Boxen und Andrea injiziert beiden eine leichte Dosis Beruhigungsmittel.

Bevor wir Richtung Flughafen Las Palmas los müssen, werfen wir einen letzten Blick rauf zu dem vom Hof aus sichtbaren Gehegegitter und verladen zum Schluss die beiden Boxen. Fiona kommt nach hinten in den Laderaum von Andreas Caddy und der kleine Azibo auf den Rücksitz zu Marion.

Weil noch immer keine Isabel angekommen ist, telefoniert Andrea, erreicht aber Isabel nicht. Sie ruft deshalb eine Freundin an, die sich ebenfalls eigenständig um die Vermittlung von Gran Canaria Schützlingen bemüht und am späten Nachmittag in der Auffangstation sein wird. Sie bittet sie, nach dem Podencobuben zu sehen. Mehr kann sie für heute auch nicht tun und wir fahren los. Da ahne ich noch nicht, dass mich zwei Tage nach unserer Rückkehr in Deutschland die Nachricht seines Todes erreichen wird.

Am Flughafen suchen wir uns zwei Gepäckwagen und fahren unsere vierbeinigen Fluggäste in die Halle. Andrea trifft dort auf zwei langjährige Bekannte vom Flughafenpersonal, die bei den Formalitäten helfen. Nachdem Azibo und Fiona eingecheckt sind, werden wir die beiden erst bei unserer Ankunft in Frankfurt wiedersehen.

Leider ist nun auch der Augenblick des Abschieds gekommen und Andrea ist so gerührt, dass ihr ein paar Tränen die Wangen herab laufen. Wir winken uns ein letztes Mal zu, dann sind Marion und ich auf dem Weg zu unserem Check-in Schalter. Es stellt sich heraus, dass der Flug mit etwa einer halben bis dreiviertel Stunde Verspätung starten wird. Wir besorgen uns für die Wartezeit eine Kleinigkeit zu essen, setzen uns vor ein großes Panorama-Fenster und beobachten das Laden des Gepäcks über die Laufbänder. Wir sprechen wenig und ich bin sicher, dass Marion genau wie ich übervoll ist mit Gedanken und Erinnerungen an die Erlebnisse dieser viel zu schnell vergangenen Tage auf Gran Canaria. Als wir endlich im Flieger sitzen, wird es am Himmel und über den Wolken langsam dämmrig und ich nehme noch einmal die Kamera zur Hand, um das hell leuchtende gelb-orange Licht des Abends einzufangen, das wie glühende Lava aussieht.

Der Pilot teilt mit, dass wir die versäumte Flugzeit bedingt durch den Rückenwind aufholen und pünktlich landen werden, und tatsächlich kommt uns der Rückflug am Ende weniger lang vor als der Hinflug.

 

 

 

 

 

 

 

In Frankfurt angekommen, besorgen wir uns erneut Gepäckwagen und warten lange am Sperrgepäckschalter.

Hier können wir Azibo und Fiona wieder in Empfang nehmen und schließlich geht es hinaus in die Ankunftshalle, wo wir bereits sehnsüchtig erwartet werden.

Gertrud, die für Fionas und Azibos Vermittlung verantwortlich sein wird, kommt uns als Erste mit offenen Armen entgegen. Es ist eine schöne Erfahrung, wie gut und herzlich sich ein neu zusammengewürfeltes Team von Anfang an versteht!

Doch nun folgt selbstverständlich der spannendste Moment, denn auf Fiona wartet bereits ein Empfangskomitee ihrer neuen Familie. Ich sehe ein Freudestrahlen und leuchtende Augen im Gesicht von "Frauchen", die Fionas Leine sofort in die Hand nimmt und scheinbar nie mehr los lassen will. "Herrchen" freut sich sicher nicht weniger, doch er steht mit dem bereits zur Familie gehörenden schwarzen Labrador da wie gebannt. Er nimmt nichts anderes mehr um sich wahr und hat verträumte Blicke nur für Fiona. Es ist wunderbar zu sehen, wie da bereits zusammen wächst, was zusammen gehört!

Auf Azibo wartet Pflegefrauchen Stephie, doch sie erzählt, dass er bereits morgen Besuch bekommt und gute Aussichten hat, ebenfalls schnell in sein neues Zuhause umzuziehen. Schließlich sind auch die Ausweise der Vierbeiner übergeben und die Chipnummern überprüft. Alles ist gut vorbereitet und abgeschlossen und uns bleibt nur noch der Abschied von allen, die am Frankfurter Flughafen auf uns gewartet haben.

Physisch sind wir nun am Ende einer unvergesslichen Reise nach Gran Canaria angekommen, doch ein Stück von uns ist dort geblieben, und noch lange werden unsere Gedanken zurück reisen auf die Insel und zu all den Hunden, die zurück blieben..

Es ist wohl ein eher glücklicher Umstand, dass wir nicht wissen, wie viele von ihnen bereits heute nicht mehr leben - und obwohl manches im Rückblick kaum zu begreifen und sehr schwer zu ertragen ist, steht doch schon seit wir auf dem Rückweg waren fest:

Wir kommen wieder !